Shared Roots. New Sounds.

Wie weit kann eine Melodie reisen? Seit dem späten 16. Jahrhundert verbreitete sich ein (damals neuartiger) Paartanz unter Namen wie „Polski Tantz“, „Polones“, „Polonaise“ oder „Polska“ quer durch Europa. Melodien wurden gehört, erinnert und weitergegeben – und tauchen über Generationen hinweg in immer neuen Varianten auf: in slowakischen Handschriften ebenso wie in deutschen und dänischen Quellen oder schwedischen Spielmannsbüchern. Heute gilt die „Polska“ als eine der charakteristischsten Tanz- und Melodieformen der schwedischen Volksmusik.

VÄSEN aus Schweden und Gudrun Walther & Jürgen Treyz aus Deutschland machen sich mit dem Projekt Polonaise Voyage auf eine musikalische Spurensuche nach gemeinsamen Wurzeln und verbinden historische Fundstücke mit eigenen Kompositionen und einer zeitgenössischen Klangsprache.

Culture Moves Europe

Der Ausgangspunkt der Zusammenarbeit war eine Einladung von VÄSEN nach Schweden im August 2023. Unterstützt durch das Programm Culture Moves Europe des Goethe-Instituts begannen die vier Musiker, nach Verbindungslinien zwischen der schwedischen und der deutschen Musiktradition zu suchen.
Im schwedischen Musikarchiv Stockholm und verschiedenen deutschen Quellen stießen sie auf Menuette, Polonaisen, Polskas und Lieder, deren Motive über Ländergrenzen und Jahrhunderte hinweg immer wiederkehren. Historische Handschriften liefern das Material, lassen aber viel Raum für eine heutige Interpretation.
So stehen Melodien aus alten Manuskripten neben Eigenkompositionen und neuen Bearbeitungen. Die Musiker führen den Prozess fort, dem diese Stücke ihre Existenz verdanken: Sie nehmen das Überlieferte auf, verändern es und geben es in neuer Form weiter.

Ein ungewöhnliches Saitenquartett

Nyckelharpa, Viola, Bass-Viola, Violoncello da spalla, Violine, Gitarre und Waldzither bilden ein Saitenensemble mit einem anderen Klang- und Obertonspektrum als ein klassisches Streichquartett. Hinzu kommt Gudrun Walthers Gesang.
Olov Johansson prägt den Ensembleklang mit nuanciertem Phrasing und dem von Resonanzsaiten getragenen Klang seiner Nyckelharpa. Mikael Marin setzt mit Bass-Viola und Violoncello da spalla bewegliche Basslinien und kontrapunktische Gegenstimmen. Gudrun Walthers Violine und Viola wechseln zwischen Melodiestimme, Begleitung und rhythmischen Akzenten; ihr Gesang öffnet den instrumentalen Ensembleklang für die deutschsprachige Liedtradition. Jürgen Treyz schafft auf Gitarre und Waldzither das rhythmische und harmonische Fundament – und wird zugleich immer wieder selbst zur melodischen Stimme.

Zwei der Instrumente stehen für Musiktraditionen, deren Weitergabe inzwischen ausdrücklich gewürdigt wird: Das internationale Nyckelharpa-Netzwerk wurde von der UNESCO als beispielhaftes Programm zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes anerkannt. Bau und Spiel der Waldzither in Thüringen und im Harz wurden 2025 in das deutsche Register guter Praxisbeispiele zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

VÄSEN

VÄSEN zählt seit über 30 Jahren zu den international führenden Ensembles der skandinavischen Folkmusik und tourt mit seiner Musik um die ganze Welt. Das Repertoire besteht aus eigenen Kompositionen und traditionellen Stücken. Kennzeichnend sind die sorgfältig ausgearbeiteten Arrangements und ein einzigartiges Zusammenspiel, das über viele gemeinsame Bühnenjahre gewachsen ist. Olov Johansson und Mikael Marin spielen zusammen, seit sie Teenager waren. In den 1980er-Jahren lernten sie von älteren Spielleuten aus Uppland, darunter Curt und Ivar Tallroth sowie Eric Sahlström. So wurden sie selbst Teil einer Musiktradition, die über Generationen mündlich weitergegeben wurde. Daraus entstand 1989 VÄSEN. VÄSEN arbeitete unter anderem mit Hawktail, Chris Thile, Jacob Collier, Darol Anger, Mike Marshall, Dervish, Musica Vitae, den Trondheimsolistene, der Norrbotten Big Band und Ale Möller zusammen. Die Gruppe wurde unter anderem mit zwei schwedischen Grammis, einem dänischen Grammy und einem Manifest-Preis ausgezeichnet.

Olov Johansson begann im Alter von vierzehn Jahren Nyckelharpa zu spielen. 1984 wurde er zum Riksspelman ernannt, 1990 gewann er die erste Nyckelharpa-Weltmeisterschaft in den Kategorien moderne chromatische und historische Nyckelharpa. 2013 erhielt er die Zornmedaille in Gold, die höchste Auszeichnung in der schwedischen traditionellen Musik. Er unterrichtet regelmäßig am Eric Sahlström Institutet und an der Königlichen Musikhochschule Stockholm und arbeitete unter anderem mit der Harfenistin Catriona McKay, dem Kronos Quartet und Snarky Puppy zusammen.

Mikael Marin – Violoncello da spalla & Bassviola. Als kreativer Pionier der Gruppe VÄSEN ist Mikael seit fast 40 Jahren als tourender Musiker und Komponist tätig. Nach 16 Studioalben und zahlreichen Kompositionen hat sich seine Musik in der ganzen Welt verbreitet. Flippen, Kapten Kapsyl und Väsenvalsen gehören zu seinen meistgespielten Stücken. Seit 1994 unterrichtet Mikael an der Königlichen Musikhochschule Stockholm und hat Generationen von Folkmusikern ausgebildet und inspiriert. Er arbeitete unter anderem mit Lena Willemark, Mats Edén, Mikael Samuelsson, Nordman, dem Kronos Quartet und Ann-Bjørg Lien zusammen.